Deine Aufgabe
Du wirst vermutlich das sein, was man als
"Gastgeber", "Host" oder "Frontmann/-frau"
bezeichnet, das heißt derjenige oder einer derjenigen, die viel draußen sind
und mit der Umgebung agieren. Schließlich warst du ja derjenige, der zum
Therapeuten gegangen ist, weil er sich wundert, was mit ihm los ist, und auch
derjenige, der das Tagebuch gekauft hat. Wie ich darauf komme? Nun, Frontleute
haben ganz am Anfang normalerweise keinen Kontakt zu denen, die innen sind, weil
diese sie vor dem Chaos der Erkenntnis schützen, dass sie Viele sind, und vor
den schlimmen Erinnerungen, die dazu geführt haben. Deine Aufgabe ist es ja,
nach außen zu funktionieren - und deswegen wurdest du von allem abgeschottet,
was dich belasten könnte. Es kann allerdings auch sein, dass du kein
Frontmensch bist, sondern das Tagebuch geholt hast, zum Beispiel damit dem
Frontmenschen endlich klar wird, dass er/sie nicht alleine ist.
Ich gehe jetzt dennoch weiter vom üblichen Fall aus, dass du der Frontmensch
bist. In diesem Falle denkst du, dass du bisher alles alleine geregelt hast, es
wird dich nerven, dass noch andere da sind, und du würdest sie am liebsten alle
mit einer Rakete auf den Mond schießen. Wahrscheinlich bist du erst mal eine
Weile schockiert, dass du nicht alleine bist, hast Angst vor den Anderen und was
alles auf dich zukommt. Und eigentlich kann es ja gar nicht sein, dass dir
jemals etwas Schlimmes passiert ist, denkst du, denn du weißt nichts davon. Und
überhaupt, was wollen die alle von dir? Du hast bisher deine Ruhe vor ihnen
gehabt, und willst sie weiterhin haben. Das hat doch bisher prima geklappt mit
dir alleine draußen. Leider ist jetzt die Maske gefallen, das Versteckspiel
funktioniert nicht mehr, die Anderen kommen Stück für Stück ans Tageslicht,
und nichts wird mehr so wie vorher sein. Du kannst die Zeit nicht mehr zurückdrehen.
Du wirst dir sicherlich immer wieder einreden, dass du dir die anderen nur
einbildest - bis dies überhaupt nicht mehr klappt.
Die Wahrheit ist aber eine andere. Die Anderen waren schon früher manchmal draußen,
nur du weißt es vielleicht nicht, oder hast dir immer eingebildet, das wärst
dann du gewesen. Oft wollten sie raus, aber du hast sie wieder nach innen gedrängt
- aus Angst, verrückt zu sein. Viele von ihnen waren dir eine wertvolle Hilfe.
Indem sie die schlimmen Erinnerungen tragen, bist du davon befreit. Manche haben
dir vielleicht in der Schule bei Klassenarbeiten die Ergebnisse zugeraunt, weil
sie gelernt hatten und nicht du. Auf alle Fälle sind die Anderen schon früher
sehr aktiv gewesen, und ohne sie hättest du es vielleicht nicht geschafft zu überleben.
Nur das weißt du noch nicht. Für dich sind sie noch Störenfriede.
Du wirst vermutlich einen starken Drang haben, sie zu kontrollieren. Du willst
DEIN Leben im Griff haben, kein Chaos bauen, und sie sollen nach deiner Pfeife
tanzen, denn du bist ja schließlich der Frontmensch und somit der Wichtigste in
eurer Truppe. Leider funktioniert das nicht ganz, denn jeder von ihnen hat eine
wichtige Aufgabe, ihr seid alle Räder in einer Maschine, die nicht oder
schlecht funktionieren würde, wenn eines der Räder klemmen würde. Du hast nur
(noch) keinen Überblick über die Maschine. Das Problem ist auch, je weniger
Freiraum du ihnen gibst, je mehr du kontrollieren möchtest, desto mehr
rebellieren sie und desto mehr Chaos passiert im Endeffekt.
Warum ich dir das jetzt sage? Ganz einfach, wenn man anfängt, in das Tagebuch
zu schreiben, neigt man oft dazu, unliebsame Innenpersonen nicht schreiben zu
lassen, alles unter Kontrolle bringen zu wollen und nur Lob zuzulassen. (Auch später
sind gerade Frontleute oft die größten Blockaden, wenn es darum geht, Probleme
zu lösen.) Denk also daran: es ist nicht DEIN Tagebuch, sondern EUER Tagebuch,
und es werden sich nicht alle verstehen. Was den anderen an deinem Verhalten
stinkt, kannst du aber nur erfahren, wenn du Kritik zulässt, sonst wirst du
keine Einsicht bekommen, wenn du was falsch machst. Deswegen war der obenerwähnte
Satz mit der Kritik so wichtig.
Einen kleinen Trost noch: du bist nicht der erste Frontmensch in dieser Lage,
und du wirst nicht der letzte sein. Es ist nicht leicht, Frontmensch zu sein,
und normal, dass man sich mit den Anderen schwer tut, vor allem am Anfang, wenn
man noch keine Übung hat. Wenn du Fehler machst im Umgang mit den Anderen, nimm
dir das besser nicht zu sehr zu Herzen, sondern lerne aus deinen Fehlern. Rom
wurde ja auch nicht an einem Tag gebaut. (Ja, ich weiß, leichter gesagt als
getan.)
Es kann sein, dass du denkst, dass du irgendwie der "Kern" der Truppe
bist, und irgendwann feststellst, du bist es doch nicht. Eine solche Erkenntnis
trifft einen erst mal hart. Aber im Endeffekt ist für dich wichtig, dass du
weiterhin deine Aufgabe packst (oder auch eine andere, neue, falls sich für
deine jetzige ein Ersatz findet), und vor allem, dass du irgendwie dafür
sorgst, dass es dir und anderen in euch gut geht. Spaß ist, so glaube ich, das
wichtigste im Leben.