Wie baut man eine Innenorganisation auf?
- für Anfänger -
Vorschläge und Anregungen für
kleine, mittlere und große Systeme
bei Menschen mit MPS, DIS oder bestimmten Arten der DSNNS
Hey Leute,
okay, also ihr wisst, ihr seid Viele, es gibt schon so einige Kontakte innerhalb eures Systems, und du kennst bereits 20, 30 Leute oder so, weißt aber noch
nicht, ob es noch mehr werden können. So, wir haben uns gedacht, wir tippen jetzt mal einen Text nieder, wo der Kram drinsteht, der uns damals geholfen hat.
Mittlerweile wissen wir, dass wir wesentlich mehr sind. Keine Panik - das muss ja nicht auch für dich gelten. Gibt ja genug Systeme, die es schaffen, mit nur
10, 20, 30 Leuten klarzukommen, und es tauchen keine weiteren auf. (Mittlerweile würden wir ausflippen, wenn wir dran denken, wir wären so wenige. Also ich wüsste
nicht, wie wir dann den ganzen Innenkrams gebacken kriegen würden, mit so wenig Personal.) Die Tipps hier sind allerdings nur brauchbar für Innenpersonen, die
untereinander Kontakt aufnehmen können.
1. Problem: Wir haben Innenpersonen, die gegen uns arbeiten.
Dürfte wohl bei fast jedem System am Anfang so sein, kann aber auch später mal vorkommen. Naja, nicht gerade prickelnd, oder? Irgendwelche Leute bei euch
brabbeln dich zu, dass du scheiße bist, oder sie wollen sich ohne Rücksicht auf dich zusaufen und ähnlicher Müll. Vielleicht kloppen die auch einfach
deine Lieblingsbücher in die Tonne oder schleppen deine Klamotten zur Altkleidersammlung, und du kannst dir jedesmal neuen Krempel holen. Na prima!
Der Grund des Problems bei sowas ist oft zuwenig gegenseitiger Respekt, Toleranz und Liebe. Ja, ich weiß, das klingt, wie wenn ein Jesusfreak das im
vollgekifften Zustand daherquatscht, aber ist echt so. Ich mein, ihr seid sehr verschieden voneinander, und habt einfach nicht immer dieselbe Wellenlänge, ist
ja auch logisch. Kann auch sein, dass ihr von außen nicht arg viel Respekt, Toleranz und so mitbekommen habt bisher, müsst ihr dann erst noch lernen, auch
untereinander.
Da gabs mal nen amerikanischen Science-Fiction-Film aus den 80ern, der zeigt das Problem saugut, "geliebter Feind" heißt der, wird manchmal
wiederholt, gibt's auch in einigen Videotheken. Obwohl nicht viel Budget dahinter war, ist eher eine Fernsehproduktion, aber echt sehenswert. Also es gab
Menschen, und es gab irgendeine außerirdische Rasse, und die waren verfeindet.
Nun stranden aber ein Mensch und so ein Alien auf einem Planeten, und es gibt
keine anderen intelligenten Wesen um die rum. Am Anfang gehen die voll auf
Abstand und bedrohen sich, und jeder hat Angst vor dem anderen. Für den
Menschen sieht der Alien scheußlich aus und umgekehrt, und keiner weiß, was
der andere ihm böses antun könnte. Irgendwann lernen die einander besser
kennen. Müssen die auch, die sind aufeinander angewiesen, gibt ja niemand
anders um die rum, und die sind beide einsam. Der Mensch lernt die Aliensprache,
und der Alien lernt Englisch. Jou, und nun rat mal was passiert? Aus Feinden
werden die besten Freunde, glaub die verlieben sich sogar irgendwie ineinander.
Okay, gebs ja zu, der Film ist bissl kitschig, aber so in etwa läufts ja
innendrin bei unsereiner ab.
Ich denk, am Anfang gibt's echt viel Einsamkeit bei den Innies, grad bei denen,
die irgendwie feindselig wirken, die halten sich ja oft einfach aus Angst die
anderen von der Pelle. Man kann sich aber nicht effektiv aus dem Weg gehen auf
Dauer, gibt ja keine Außenkörper-Verleihagenturen (wär doch mal was, oder?).
Am besten, du versuchst dich in so Problemfälle reinzuversetzen, in die
Boykotteure und so. Aus deren Perspektive bist ja vielleicht du der Kotzbrocken.
Kann ja sein, dass du sie genauso boykottierst, ohne es mitzukriegen. Tu denen
mal was gutes, vielleicht ne CD schenken, die die mögen. Kann sein, dass die
sich mal revanchieren. Also, falls du mal zu dir kommst und es steht ein 5-Gänge-Menü
mit deinen Lieblingsspeisen auf dem Tisch, weißt du, wo das herkommt ;-).
Schade, dass bei uns keiner so gut kochen kann...
2. Problem: Was tun mit den Innenkindern?
Innenkinder sind grundsätzlich verschüchtert, ängstlich, empfindlich wie
Porzellanpuppen und zu überhaupt nix Konstruktivem zu gebrauchen, weil
traumatisiert bis zum Gehtnichtmehr. Eigentlich die größten Blocker in eurem
System, wenn ihr mal was gebacken kriegen wollt. Und die Erde ist eine Scheibe.
Okay, nochmal von vorne: ja, es gibt Innenkinder, die so drauf sind. Nein, sie müssen
nicht bis zu eurem Lebensende so unterwegs sein, manche Kids heilen ganz gut.
Nein, nicht alle Kids sind so fertig. Vermutlich wird's bei euch auch Kids
geben, die echt gut drauf sind, wenn ihr kein Minifitzelsystem seid mit nur ganz
wenigen Innies. Die Happy Kids sind tierisch wichtig für euch, wenn die außen
was machen können, was die echt mögen, ist das gut für alle. Weil was ich
bisher bei uns gemerkt hab ist, wenn jemand draußen ist, dem es super geht,
schlägt sich das auch positiv auf die Leute innen nieder, wie wenn die Sonne
ins System reinscheint. Scheiße, ich kling ja schon wieder wie ein
Hare-Krishna-Fritze.
Alle Kids, gleich wie die drauf sind, brauchen Liebe und Respekt, wie die Großen
auch. Versucht mal, bei euch auszuloten, wer sich um die Kids kümmern kann. Je
nachdem, wie groß euer System ist, könnt ihr einen oder mehrere auftreiben,
die sich um die Kids kümmern. Bei den traumatisierten Kids, die was aufm Herzen
haben, würd ich kein Weichei hinschicken, da brauchts schon wen, der stabil
ist. Die Kids merken ja, ob sie sich dem irgendwann anvertrauen können oder obs
den dann umhaut, was die so erzählen. Jou, und nur weil jemand ruppig ist bei
euch, heißts noch lange nicht, dass er nicht mit Kids klarkommt. So manches
Raubein (neue Rechtschreibung, ohne h - ist das nicht scheußlich?) wird
butterweich und zum Mamatier, wenn der erst mal so nen kleinen Knirps an seiner
Seite hat. Einfach abchecken, was am besten hinhaut.
3. Problem: Hilfe, unser Host ist überfordert!
Euer Host kriegt das draußen nicht alles gebacken? Naja, wenn ihr nur einen (Haupt-)Host
habt oder mehrere, aber zuwenig, kann das schon passieren. Ne normale
Arbeitszeit sind ja acht Stunden am Tag, Wochenenden frei, und mehrere Wochen
Urlaub im Jahr gibt's ja auch noch. Falls euer Frontmensch ständig draußen rödeln
muss, kann das zuviel sein auf Dauer. Sind ja dann mindestens 16 Stunden am Tag,
ohne Urlaub, ohne Wochenenden.
So, jetzt rechne ich mal weiter: ein Mensch, der nicht Viele ist, hat seine
gesamte Energie für sich alleine. Euer Host wird sich das wohl mit X anderen
Leuten teilen müssen, die drinnen rumrödeln. Gibt Systeme, bei denen haut das
trotzdem prima hin, vielleicht hat der Host dann vergleichsweise viel Energie
zur Verfügung. Falls das bei euch aber nicht der Fall ist, würde ich
vorschlagen, ihr sucht euch Leute innen, die den Host mal ne Weile vertreten können.
Und wenns nur für die Autofahrt zur Arbeit und zurück ist. Dann ist euer Host
auch ausgeruhter und kriegt mehr gebacken. Falls euer Host jetzt rumzickt, dass
er keine Kontrolle verlieren will, präsentiert ihm mal diese Rechnung und reibt
ihm unter die Nase, dass er überfordert ist (falls das so ist). Jou, und dass
ihr ihn unterstützen und ihm nur helfen wollt und so ein blabla.
Kann auch was bringen, wenn euer Host jemanden einweisen kann, der ihn in
bestimmten Situationen vertritt, oder auch mehrere Vertretungen. Dann habt ihr
manchmal oder immer eine Pausenvertretung parat, und euer Frontmensch ist
wesentlich umgänglicher.
4. Problem: Wir switchen völlig unkontrolliert und es kommt oft nix
Brauchbares dabei raus.
Vielleicht könnt ihr abchecken, was die Switche provoziert. Muss ja auch nicht
jeder Switch eine Katastrophe sein. Ihr seid ein Team, oder versucht eines zu
werden. Ist wie beim Stablauf: jeder hat mal den Stab in der Hand. Kann ja auch
sein, dass ihr besonders dann unkontrolliert switcht, wenn viel Trubel um euch
ist oder ihr stark im Stress seid. Bei uns passiert das besonders im Supermarkt,
mit den vielen verschiedenen Fressalien und den ganzen Leuten um einen rum. Das
muss echt ulkig von außen aussehen dann. Naja, unnötig zu erwähnen, dass es
uns schwerfällt, flott und effektiv einkaufen zu gehen. Wir versuchen dann aber
nicht, uns gegen die Switcherei zu wehren, außer wir habens sehr eilig. Wozu
auch? Im Endeffekt schaffen wir es ja doch, mit halbwegs brauchbarem Zeug aus
dem Laden zu kommen, naja, und wenn doch noch was fehlt, kann man ja nochmals
losdüsen (diesmal konzentrierter). Und was ich nicht mag, mögen andere, also
wegschmeißen müssen wir nicht übermäßig viel. Je mehr Widerstand wir
dagegen leisten, desto größer die Chance, dass irgendwann völlig
unkombinierbares Zeug im Kühlschrank landet, oder viel zuviel von einer Sorte.
Falls eure Leute genau in den ungünstigsten Momenten rauspurzeln, kann das
daran liegen, dass ihr diese Leute sonst nicht rauslasst. Die sammeln dann womöglich
innen soviel Energie, bis sie sich rausmogeln können, und zeigen euch durch ihr
Verhalten, dass die das Zurückhalten anätzt. Ein Wink mit dem Zaunpfahl,
sozusagen.
Uns hats manchmal geholfen, wenn wir Switche bewusst provoziert haben, von
Leuten, die wir damals für unbrauchbar hielten. Also z. B. CD einlegen mit
Lieblingsmusik von jemandem, den ihr später des Tages nicht mehr gebrauchen könnt,
weil der sich etwa auf ner Party absolut nicht gut macht. Der kann dann raus und
tun, was ihm Spaß macht, und hupst irgendwann wieder rein. Ist wie ne
Einladung, ey, komm raus, wenn du jetzt willst, wir lassen dich. Dann habt ihr
ne größere Chance, dass der euch später eure Party nicht versaut.
5. Problem: Wie peinlich, wir haben auch männliche Innenpersonen! Bloß weg
mit denen!
Ey, was soll das? Haste Schiss vor Männern, oder Angst, transsexuell zu sein?
Wir Kerle sind auch nur Menschen. Wenn du uns wegschubst, wirst du unsere Hilfe
wohl schwerlich bekommen. (Gilt übrigens auch umgekehrt für die Damenwelt in männlichen
Systemen.) Innenpersonen können nun mal alles mögliche sein, und wenn du auch
Typen hast, ist das nix Außergewöhnliches. Musst halt damit rechnen, dass wir
es nicht so prickelnd finden, wenn wir plötzlich rauskommen und stecken
vollgeschminkt in einem Kleid drin, ist halt peinlich für uns. Falls du unsere
Outfits doof findest, sind wir ja wieder quitt. Ey, sei froh, dass für dich der
Außenkörper wenigstens halbwegs okay ist, da haste uns was voraus.
6. Problem: Hetero, bi, homo?
Naja, bei vielen Systemen geht das kreuz und quer durcheinander bei den Leuten,
die überhaupt eine sexuelle Orientierung haben. Innenmänner, die auf Frauen
stehen, Innenmänner, die auf Männer stehen, Innenmänner, die auf beides
stehen... dasselbe auch mit Innendamen. Also, kann sein, dass zusätzlich noch
ein schwuler, lesbischer oder bisexueller Coming-Out-Stress auftaucht, zusätzlich
zu den anderen Problemen, die ihr habt. Ihr könnt ja auf Schwulen- oder
Lesbenparties gehen, gibt auch Beratungstelefone für Schwule und Lesben.
Der/die Betroffene bei euch muss ja nicht gleich jedem auf die Nase binden, dass
er "nur" einer von vielen in einem Körper ist. Oder ihr informiert
euch anderweitig zu dem Thema, vielleicht beruhigt das die Betroffenen. Da
gibt's ein gutes Buch für Homo-Teenager, das heißt "Schwul - na
und?". Ist ja nicht nur für Homo- und Bi-Nichtmultis eine schwierige
Phase. Noch was: Homo- oder Bisexualität ist nichts Krankhaftes. Leicht gesagt,
dauert aber schon seine Zeit, bis man das verdaut hat.
Tja, und wie sucht man dann einen passenden Partner aus, bei dem Kuddelmuddel?
Ich würde sagen, wichtig ist vor allem, dass es zwischen euch funkt und der
Mensch okay ist. Kannst ja mal ne Umfrage starten, wieviele im System mit ihm
oder ihr irgendwie klarkommen. Allen wirst du's nicht recht machen können, das
ist klar.
Falls ihr jemals verschmelzen solltet, kann man noch nicht sagen, was dann dabei
rauskommt.
7. Problem: es tauchen immer mehr "Neue" bei uns auf! Wie soll ich
das hinkriegen?
Anfangs hat's uns ja auch ordentlich gebrettert, wenn Neue kamen. Waren
eigentlich Alte, die wir aber noch nicht kannten. Shit, wir sind doch mehr als
12 Leute, als 15 Leute, als 21 Leute...
Dir werden vielleicht Neue begegnen, bei denen du dir zunächst denkst, meine Güte,
was sind das für Pappnasen? Mit denen kann man ja überhaupt nix Konstruktives
machen! Kleiner Tipp: dreh mal im Kopf die Zeit zurück. Denk an eure
allerersten Anfänge. Hast du dir das damals nicht schon gedacht bei den Leuten,
mit denen du jetzt prima zusammenarbeitest? Bist du immer gut mit den anderen
Innies umgegangen? Was hat damals geholfen? Wie habt ihr gelernt, euch zu
vertragen? Würdest du auf diese Leute jetzt verzichten wollen?
Neue haben grundsätzlich ein großes Potential, sie können euch verstärken,
Aufgaben übernehmen, denen ihr so nicht gewachsen seid und so weiter. Wenn
solche Neuen auftauchen, ist dir vielleicht auch klar, warum euer System bislang
nicht so "rund" gelaufen ist - ihr wart einfach verhältnismäßig zu
wenig Leute im System, die zusammengearbeitet haben.
Wenn die Neuen etwa verängstigt oder aggressiv sind, könnt ihr versuchen, sie
zu beruhigen, und sie aus ihrem Film rauszuholen. Einfach erklären, wer ihr
seid, wo ihr seid, dass ihr denen nix antun wollt, und dass sie herzlich
willkommen sind. Gibt noch weitere Möglichkeiten, ich denke, da fällt euch
sicher noch was ein. Falls sie intern gewalttätig sind, sollten erst mal ein
paar Starke sie schnappen und beruhigen, bis sie mit sich reden lassen. Auch
wenn sie immer noch nicht deine Lieblingsinnies sind - eine Willkommensparty
kommt immer gut. Falls ihr eine Innenwelt habt, könnt ihr sie ihnen ja zeigen
und/oder dort eine Party für sie schmeißen, und sie sind erst mal im
Mittelpunkt und werden bejubelt und bestaunt (ist gut fürs Ego). Ihr könnt sie
auch fragen, ob die irgendein Lieblingsessen, -musik, -video etc. haben und
ihnen außen einen Abend für sich schenken, wenn man sie ohne größeren
Schaden rauslassen kann. Du ahnst gar nicht, wie gut man mit solchen Gesten
Herzen erweichen kann. Sie könnten vielleicht später eure besten Hilfen
werden, aber das braucht seine Zeit.
8. Innenwelt - was soll das?
Zum Thema Innenwelt lässt sich einiges finden, zum Beispiel im Buch
"Schmetterlingsfrauen" (siehe unsere Bücherliste). Allerdings ist die
Innenwelt ein eigenes Kapitel für sich, und nicht für jeden DISler ist eine
Innenwelt ein brauchbares Konzept. Jedenfalls können wir das Thema hier nicht
ausführlich behandeln, würde den Rahmen sprengen und so.
9. Hilfe, es tauchen ja noch mehr "Neue" auf! Oh je, oh je, oh je,
wir werden doch hoffentlich nicht sooo viele sein! Wie sollen wir das schaffen
mit so einer Menge Leute! Wann hört das auf?
Erst mal: don't panic!
Einige Tipps dazu, wie man sich bei einer Riesenmenge von Innenpersonen
organisieren kann, findest du in unserem Text im Lesesaal "Optimierung der
Innenorganisation für Systeme ab ca. 50 Innenpersonen".