Introjektionen

Verinnerlichte Außenpersonen und verinnerlichte fiktive Figuren bei Menschen mit MPS, DIS oder DSNNS




Ein Wort vorab

Dieser Text ist eher trocken, kann aber dennoch TRIGGERN.

Er beruht nicht auf der Basis wissenschaftlicher Texte, sondern auf Gedanken, die wir uns zu dem Thema gemacht haben. Es ist nicht auszuschließen, dass deine Erfahrungen und Meinungen hiervon abweichen. Das Thema wird zwar in dem einen oder anderen Buch erwähnt, aber wir fanden bisher noch keinen Text, der sich so ausführlich damit befasst hat. Sollte dir eine entsprechende Quelle einfallen, freuen wir uns über eine kurze E-mail.


Was sind Introjektionen?

Unter einer Introjektion verstehen wir eine Innenperson, die einer reell existierenden Außenperson oder auch einer fiktiven Figur sehr ähnelt oder diese nachahmt. Dieses Phänomen kann bei Leuten mit den Diagnosen MPS (veraltet und spezifischer), DIS (neuer und allgemeiner) oder DSNNS (Dissoziative Störung, nicht näher spezifiziert) auftreten. Wir haben versucht, einen deutschen Begriff für Introjektion zu finden, aber alles, worauf wir kamen, war Spiegelbild, Abklatsch, Kopie... und diese Begriffe werden entweder nicht der Realität gerecht oder sind schlichtweg herabwürdigend. Introjektion (aus dem Lateinischen, wörtlich etwa "Wurf nach innen") heißt nach innen projizierter Gegenstand.


"Embryonale" und "komplett ausgebildete" Innenpersonen

Eine multiple Persönlichkeit entsteht nicht "auf einen Schlag", sondern etappenweise, und oft sind auch nicht gleich bei der ersten Spaltung die ersten "Ur-Innenpersonen" komplett ausgebildet, sondern nur im Ansatz. Vielleicht besitzen sie schon ein oder mehrere Gefühle, aber ihr Aussehen, das sie in der inneren Welt haben, und noch viele andere Sachen wie Interessen, Welteinstellung, Körpergefühl usw. sind noch nicht unbedingt festgelegt und entwickeln sich erst im Laufe der Zeit oder - besonders oft bei DSNNS - gar nicht. Das, was ein Individuum also normalerweise ausmacht - seine Einzigartigkeit in vielen Bereichen - steckt bei ihnen also noch in einem Anfangsstadium oder ist überhaupt noch nicht entwickelt. Diese "nebelhaften" Innenpersonen nenne ich hier "embryonale Innenpersonen". Das "embryonal" beziehe ich auf den Zustand des "nicht fertig ausgebildeten". Ich meine also hier nicht, dass es sich um Embryonen oder ganz junge Babies handelt.

Im übrigen können embryonale Innenpersonen direkt von der Ursprungsperson abgespalten sein, aber auch erst irgendwann nach den ersten Ur-Spaltungen entstanden worden sein. Es gibt natürlich auch embryonale Innenpersonen, die erst im Erwachsenenalter entstehen und selber auch erwachsen sind. Fachleute neigen dazu, bei embryonalen Innenpersonen von "verschiedenen dissoziativen Zuständen" zu sprechen, von englischsprachigen Betroffenen kennen wir auch Ausdrücke wie "Modi" (Plural von Modus).

Das Gegenstück zu embryonalen Innenpersonen wären "komplett ausgeprägte Innenpersonen". Zwischen beiden Extremen gibt es noch eine große Palette an Zwischenstadien und Übergängen. Systeme, die nur aus embryonalen Innenpersonen bestehen, bekommen manchmal die Diagnose "Dissoziative Störung, nicht näher spezifiziert". Es gibt aber auch Fachleute wie Colin Ross ("Dissociative Identity Disorder: Diagnosis, Clinical Features, and Treatment of Multiple Personality), die davon ausgehen, daß die Diagnose dissoziative Identitätsstörung auch auf solche Leute anwendbar ist, er beschreibt bei solchen Fällen das System als ein "Meer verschiedener, nicht genau abtrennbarer Zustände" im Gegensatz zu "Systemen mit klar definierten und umrandeten Innenpersonen". Selbstverständlich gibt es auch viele Systeme, bei denen man beide Extreme und auch eine große Variation dazwischen findet.

Embryonale Innenpersonen entwickeln sich oftmals weiter in Richtung komplett ausgebildete Innenpersonen, manchmal jedoch bleiben sie so unspezifisch, wie sie sind. Ich gehe davon aus, dass zumindest bei einigen der embryonalen Innenpersonen auf alle Fälle der - bewusste oder unbewusste - Wunsch existiert, mehr eigene Identität zu entwickeln, ein eigenes "Ich" zu entwickeln, das sie von den anderen Innenpersonen abhebt und sie einzigartig erscheinen lässt. Sie sind also auf der Suche nach einem individuellen Profil. Diese Suche ist im Prinzip das Gleiche wie die Suche nach Identität, die jeder Mensch durchmacht.


Wie kommt es zu einer eigenen Identität?

Um eine Identität zu entwickeln, gibt es mehrere Möglichkeiten, die man bewusst oder unbewusst anwenden kann:

Man versucht, sich "aus sich heraus" zu entwickeln, ohne Anreize von außen. Dies halte ich für die seltenste Lösung, da jeder Mensch sich nur durch Außenreize entwickeln kann, und Innenpersonen - je nachdem, wie man es sehen möchte - eigene Persönlichkeiten oder Persönlichkeitsbestandteile sind. Warum sollten also für sie nicht gleiche Regeln gelten? Liest man Literatur über isoliert aufgewachsene Kinder (der berühmteste Fall ist Kaspar Hausers traurige Lebensgeschichte), stellt man fest, dass sie aufgrund des Fehlens äußerer Vorbilder und Anreize fast keine Persönlichkeit entwickeln konnten (Time-Life Books B. V., "Rätsel der Persönlichkeit", S. 52 f.); näher darauf einzugehen, würde den Rahmen dieses Textes sprengen. Zudem wäre es für eine solche Innenperson äußerst aufwendig, für die Persönlichkeitsentwicklung auf jegliche Anreize zu verzichten bzw. Anreize als solche zu erkennen und auszusortieren, selbst wenn der ganze Prozess nur im Unterbewußtsein verläuft.
Man bildet seine Persönlichkeit - einem Puzzlespiel gleich - aus vielen Anreizen, Erfahrungen und Vorbildern der Umgebung. Dies ist auch der normale Entwicklungsprozess bei der Allgemeinbevölkerung. Daher gehe ich davon aus, dass auch viele Innenpersonen diesen Weg beschreiten.
Man wird (zunächst, mehr hierzu weiter unten) zu einer Introjektion. Das bedeutet, man sucht sich ein einziges Vorbild und übernimmt dieses. Unter Vorbild verstehe ich lediglich die "Vorlage", ich meine es in diesem Zusammenhang nicht unbedingt positiv gewertet, nur Vorlage klänge als Wort etwas fies, weil es hier meist um Menschen und nicht um Dinge geht. Dabei kann man sein Vorbild komplett oder auch nur teilweise übernehmen. Es können also z. B. von einem Vorbild durchaus lediglich die Gestik, Mimik, das Aussehen, eine bestimmte Sprechweise oder auch Eigenschaften wie etwa die Art, mit Konflikten umzugehen, übernommen werden. Freilich werden oft Introjektionen ausgesucht, die irgendwie zu dem bisher bestehenden embryonalen Ich passen. Zudem kommen oft noch zu den kopierten Eigenschaften eigene dazu. Eine Innenperson kann jederzeit zu einer Introjektion werden, also auch, wenn der Körper schon längst erwachsen ist. 

Zu den Vorbildern (i. S. v. Vorlagen)

Ein Vorbild kann alles mögliche sein. Die folgenden Listen sind nicht erschöpfend.

Bei reell existierenden Personen:
Verwandte
Partner
Freunde, Bekannte
Lehrer, Arbeitskollegen, Vorgesetzte
Täter, Mittäter
Prominente
Leute, die man (fast) nur vom Sehen kennt
Nichtmenschliche Wesen

Bei fiktiven Personen:
Romanfiguren
Filmfiguren
Comicfiguren
Klischees von Menschentypen (z. B. die glückliche Hausfrau, der eingebildete Kranke usw.)
Nichtmenschliche Figuren (z. B. Tiere, übernatürliche Wesen)

Hilfe, wir haben eine Introjektion!

Dies braucht dir zunächst mal nicht peinlich zu sein. Ich weiß, es ist leicht gesagt, aber im Endeffekt tut man sich schwer damit. Besonders wenn es Introjektionen sind, bei denen man befürchtet, die anderen halten einen für komplett plemplem (z. B. Superman, Robin Hood, Stalin, ein Haustier, das man früher hatte...). Es ist nichts Abnormales. Ich kenne mehrere Systeme, die krasse Introjektionen haben, unsere Wenigkeit eingeschlossen (sonst würde ich mich auch nicht an diesen Text wagen). Es ist nur nicht leicht, darüber zu reden, wenn man sich nicht sicher ist, dass das Gegenüber dabei nicht loslacht. Schließlich wurden schon lange genug Witze gemacht über "diese Irren, die sich für Napoleon halten". Bitte lass dies aber nicht an den betroffenen Innenpersonen aus, sie nehmen ihre Identität durchaus ernst und haben es nicht verdient, ins Lächerliche gezogen zu werden.

Vergiss auch nicht, dass viele Introjektionen entstanden sind, als das System noch ein Kind war und die Welt entsprechend sah. So sind z. B. Märchenfiguren als Introjektionen nicht ausgeschlossen. Engel kommen auch relativ häufig vor, sie haben oft eine Retter- oder Fluchtfunktion und sind aus dem Wunsch nach Rettung entstanden ("Ein Engel wird kommen und mich da rausholen." / "Der Engel kommt manchmal und schwebt mit mir (Innenperson XY) davon, wenn wieder dieses Schlimme passiert.").

Introjektionen können allen möglichen "Innenpersonen-Typen" zugeordnet werden. Es können Helfer, Innenkinder, Dunkle, Beschützer usw. sein.

Es gibt durchaus Introjektionen, die sich darüber bewusst sind, dass sie nicht "der wirkliche XYZ" sind, der ihnen als Vorbild dient; dies muss aber nicht immer der Fall sein. Es kann sein, dass eine Innenperson ein ganz fürchterliches Vorbild übernommen hat - aber auch dann ist sie noch lange nicht unbedingt so schlimm wie ihre Vorlage. Vielleicht musste sie diese Vorlage aus dem einen oder anderen Grund übernehmen und hatte keine Wahl. Oder sie hat positivere oder auch neutrale Züge dieser Person übernommen (ein krasses Beispiel wäre ein innerer Mussolini, der einfach nur ein Stratege oder auch ein etwas aufbrausender Charakter ist).

Besonders unangenehm ist es, wenn man mitbekommt, dass man eine Täterintrojektion hat. Aber auch da gilt es erst mal zu sehen, ob diese Innenperson nicht doch harmlos ist, wie im vorherigen Absatz erklärt. Selbst wenn sie Ärger verursacht oder gefährlich ist, hat sie trotzdem ihren Sinn. Ich gehe nicht davon aus, dass in einem System Innenpersonen völlig ohne Grund entstehen, da jede Spaltung sehr energieraubend ist und bei MPSlern, DISlern und DSNNSlern wie allgemein in der Natur eine gewisse Ökonomie vorhanden ist. Ein guter Grund dafür, warum man eine destruktiv handelnde Täterintrojektion in sich hat, wäre etwa, dass man früher, als sie draußen war, in der Zeit keine Angst haben musste - schließlich konnte man sich dann in den Momenten genauso stark fühlen wie der/die Täter(in(nen)), da man ihn/sie sozusagen spiegelte.


Introjektionen und Identität - wie geht es weiter?

Eine Innenperson hat, wenn sie zu einer Introjektion geworden ist, zunächst mal ihre Ziele erreicht: sie ist kein schwammiges Irgendwas mehr, sondern kann sich klar definieren. Sie weiß in der Regel, wie sie aussieht, wie sie sich "für sich typisch" verhält, und dass sie nicht mehr so leicht mit anderen Innenpersonen verwechselt wird.

Es kann sein, dass die Innenperson damit völlig zufrieden ist. Schließlich ist auch nichts dagegen einzuwenden. Vielleicht wechselt sie auch irgendwann einfach das Vorbild. Es kann aber auch passieren, dass sie sich weiterentwickelt durch die Erfahrungen, die sie im Laufe der Zeit sammelt, und durch die Gedanken, die sie sich über sich und die Welt macht, bis sie ihrem Vorbild immer weniger ähnelt. Auch dies ist keine Schande. Sie bekommt dann allerdings womöglich eine Identitätskrise, d. h. eine schwere Zeit, in der sie wieder für sich neu definieren und erkennen muss, wer und was sie ist und was sie vom Leben möchte. Dann ist es prima, wenn sie von innen Beistand erhalten; womöglich helfen ihr auch passende Bücher zum Thema Identitätskrise. Solche Krisen sind leider anstrengend, aber normal, die macht jeder durch, nicht nur Dissoziative.